Nervensystem - was ist das eigentlich?
Wir haben´s alle schonmal gehört - in der Schule oder in letzter Zeit auch vermehrt in den sozialen Medien, wo es gerade richtig "in" scheint, sein Nervensystem mit speziellen Übungen zu regulieren.
Aber worum geht´s konkret?
das Nervensystem
ist ein komplexes Netzwerk, dass sich über unseren gesamten Körper erstreckt und Kommunikation in ihm ermöglicht. Es spielt die entscheidende Rolle bei allen Bewegungen, die wir gezielt ausführen wollen und übernimmt im Hintergrund die gesamte Koordination lebenserhaltender Körperfunktionen. Es sendet alle Impulse, die von außen auf uns eintreffen zur Verarbeitung an unser Gehirn und ermöglicht somit unser gesamtes (Er)Leben.
das autonome Nervensystem
ist der Teil, den wir nicht selbst steuern können. Er reguliert unseren Herzschlag, unsere Verdauung, das Immunsystem uvm. Er aktiviert einen "Überlebensmodus" wenn wir in Gefahr sind. Außerdem sorgt er dafür, dass wir über sozialen Austausch mit anderen in Kontakt kommen. Zusammengehörigkeitsgefühl und gegenseitige Unterstützung erhöht die Überlebensfähigkeit des Menschen.
die verschiedenen "Programme"
um seine vielfältigen Aufgaben bewältigen zu können hat unser autonomes Nervensystem mehrere Teile. Ganz vereinfacht kann man sie in Sympathikus und Parasympathikus aufteilen. Ersterer sorgt für alles was eine Aktivierung braucht und sein "Gegenspieler" kümmert sich um die Entspannung.
Polyvagaltheorie
seit 1994 und dem Psychologen und Neurowissenschaftler Stephen Porges können wir die zwei Bereiche des autonomen Nervensystems noch genauer differenzieren. Der Parasympathikus lässt sich nämlich noch in zwei Zweige aufteilen: den ventralen Vagus-Zweig und den dorsalen Vagus-Zweig.
ventraler Vagus - Parasympathikus
aus diesem Bereich entspringt unser soziales Kontaktsystem. Hier fühlen wir uns sicher, geborgen, geliebt und ausgeglichen. Wir haben Visionen, Zugang zu unserer Intuition, klare Gedanken und spüren eine tiefe Verbundenheit zu unserem Körper und auch zu unseren Mitmenschen.
dorsaler Vagus - Parasympathikus
ist er aktiv, dann ist das eher so wie ein "Zuviel" an Entspannung. Wir sind wie gelähmt. im sogenannten Shutdown. Unser gesamtes System ist überfordert und zieht die Notbremse - nichts geht mehr. Resignation, Hilfslosigkeit bis hin zu Depression und Burnout finden hier seinen Ursprung.
Flight - Sympathikus
Flucht und Kampf kommen aus der gleichen Region und meistens auch in dieser Reihenfolge. Wenn unser Nervensystem eine Gefahr wahr nimmt startet es zuerst den Fluchtimpuls (Flight). Solche Gefahren können ein Messer sein, dass uns beim Kochen aus der Hand rutscht - wir springen automatisch zurück = Fluchtimpuls. Oder es kann auch ein Satz oder eine Geste eines anderen Menschen sein, der einen sofortigen Widerstand in uns auslöst.
Fight - Sympathikus
ist Flucht keine Option schaltet sich sofort der Kampfmodus ein. Wir können dem Gespräch nicht ausweichen? Ok, dann schießen wir zurück mit Gemeinheiten! Wer kennt es nicht: fühlt man sich in die Ecke gedrängt, sagt man schnell Dinge, die man später bereut. Manchmal ist es auch einfach der Tonfall, der gar nicht so energisch sein müsste. Oder kennst du die Faust, die auf die Tischplatte donnert, noch bevor du einen klaren Gedanken fassen konntest?
Alle zusammen
sind gleich wichtig und ergänzen sich perfekt. Wenn wir aus irgendeinem Grund in einem Modus feststecken, dann haben wir keinen Zugang mehr zu einem erfüllten Leben. Wir empfinden dann vielleicht alles als einen Angriff. Wollen einfach nur noch weg. Oder sehen uns keinen Ausweg mehr und finden uns mit unserem trostlosen Dasein ab.
ein reguliertes Nervensystem
ist eines, das flexibel auf alle "Programme" zugreifen kann. Wichtig ist dabei zu wissen, dass es da kein Entweder-Oder gibt, sondern die verschiedenen Bereiche mehr wie Lautstärkeregler funktionieren, die alle aktiv, aber in unterschiedlicher Stärke aufgedreht sind.
Natürlich darf sich dein Kampfmodus aktivieren, wenn jemand deine Grenzen überschreitet - wenn dabei aber auch dein ventraler Vaguszweig aktiv ist wirst du ihm nicht gleich einen Rempler geben, sondern ihn sachlich darauf hinweisen, dass hier Stopp ist! That´s it!
Wie kann das gehen?
Indem wir gemeinsam dein Nervensystem erforschen und du herausfindest was dich in eine Nervensystem-Einbahnstraße katapultiert (Stichwort "Trigger") und was deinem System mehr Möglichkeiten gibt ( sogenannte "Glimmer" können dabei hilfreich sein). Wir laden alle Anteile ein für dich da zu sein und du wirst lernen der Tontechniker am Mischpult der Nervensystemzustände zu werden. Du gibst den Ton an.
Co- Regulation
Ist ein Begriff, den du vielleicht aus dem Kontext der Eltern-Kind Beziehung kennst. Bei der Entwicklung von Kindern spielt Co-Regulation eine große Rolle. Die Selbstregulationsfähigkeit von Babys und Kleinkindern entwickelt sich erst im Laufe der Zeit. Das geschieht durch Co-Regulation über das Nervensystem der Bezugspersonen. Man kann also davon ausgehen, dass die spätere Nervensystemkapazität stark davon abhängt, wie die Nervensysteme der Bezugspersonen in der Kindheit beschaffen waren. Co-Regulation funktioniert aber auch im Erwachsenenalter noch und unser Nervensystem kann auch dann noch "dazulernen".